Es ist noch kein Baum vor ein Auto gesprungen

Dies sagte kürzlich der Leiter der Landesstraßenbaubehörde Sachsen-Anhalt im Interview mit dem MDR. Und damit das auch in Zukunft nicht passiert, arbeitet er intensiv daran, die Alleen in Sachsen-Anhalt nach und nach zu beseitigen.

So verschwinden z.B. im Landkreis Mansfeld Südharz rund um Greifenhagen nach und nach die Obstbäume am Straßenrand. Aus noch vor  Jahren mehr oder weniger intakten Alleen sind inzwischen baumfreie Straßen geworden. Nachpflanzungen werden hingegen keine vorgenommen. Zurück bleibt eine ausgeräumte Landschaft.

 

 

Doch warum ist das so?

 

Auf mehrere Nachfragen bei der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde zu diesem Sachverhalt erfolgte zunächst keine Antwort bis schließlich an die Straßenbaubehörde verwiesen wurde. Licht in das Dickicht der Verantwortlichkeiten brachte auf Nachfrage erst die Recherche von MDR aktuell.

 

Zuständig hierfür ist nämlich die Landesstraßenbaubehörde (LBB), die unter dem Gesichtspunkt der Verkehrssicherheit für das Fällen der Bäume in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde verantwortlich ist. Verwunderlich ist dann aber schon , dass die Untere Naturschutzbehörde zuvor darüber keine Auskunft geben konnte.

Die Alleebäume gelten per Gesetz als schützenswert und genießen daher einen Bestandsschutz. Wenn sie jedoch für den Verkehr eine „potentielle Gefahr“ darstellen, können sie gefällt werden und werden dann zur Gefahrensvorbeugung, wie der Leiter der LBB ganz offen sagt,  gar nicht erst wieder nachgepflanzt.

 

Eigentlich besteht, wie für Privatpersonen oder Unternehmen, auch für Behörden eine Pflicht zur Ersatzpflanzung und gefällte Bäume könnten durchaus auch in bestehenden Alleen nachgepflanzt werden. Der Landkreis Mansfeld-Südharz kommt dieser Verpflichtung hingegen nicht nach und sitzt daher inzwischen auf einem nicht unerheblichem „virtuellen Bestand“ an nach zu pflanzenden Bäumen. Wie hoch dieser inzwischen ist, darüber möchte der Landkreis aber keine Auskunft geben. Außerdem geht der gesetzlich geschützte Alleecharakter verloren, wenn der Baumabstand mehr als 100 m beträgt. Da für Neuanpflanzungen von Alleen inzwischen größere Mindestabstände bestehen, ist die einmal beseitigte Allee praktisch für immer verloren.

 

Daß es auch anders geht, zeigt der Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Hier werden mehr Bäume an Straßen gepflanzt als gefällt. Hier scheint die Untere Naturschutzbehörde ihren Naturschutzauftrag ernster zu nehmen und mehr Rückgrat gegenüber der Landesstraßenbaubehörde zu haben.

 

Die abnehmende Artenvielfalt und die zu geringe Attraktivität der Region für den Tourismus wird zwar ständig beklagt, ein Bewußtsein dafür scheint den Verantwortlichen für das Verschwinden der Alleen hingegen gänzlich zu fehlen. Gute Bedingungen für den Transitverkehr laden ein zum Durchfahren, nicht aber zum Verweilen in einer Region.

 

Wer, wie die Landesstraßenbaubehörde Sachsen-Anhalt und sogar Untere Naturschutzbehörden, als öffentliche Verwaltung so mit den Ressourcen umgeht und kein Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Umwelt- und Lebensqualität hat, braucht sich nicht darüber zu wundern, wenn sich der Tourismus nicht entwickelt und Menschen sich nicht in der Region ansiedeln, sondern weiter abwandern. Das Arbeitsplatz-Argument hat für diese Entwicklung inzwischen ausgedient.  Vielmehr ist inzwischen die Lebensqualität zum Maß für die Attraktivität einer Region geworden. Und die umfaßt deutlich mehr Aspekte.  Umso bedauerlicher ist es, wenn die für die Region Verantwortlichen dann auch noch ihre Pluspunkte im wahrsten Sinne des Wortes absägen. Das Fällen der Alleebäume ist hierfür ein sehr trauriges Beispiel.